Warum das Mitteilen der Körperempfindungen so wichtig ist

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Viele Menschen fragen sich, warum beim Ehrlichen Mitteilen neben Gefühlen und Gedanken auch Körperempfindungen mitgeteilt werden. Die Antwort ist einfach:

Mit unseren Körperempfindungen teilen wir den Zustand unseres Nervensystems mit.

Genau darin liegt ihre eigentliche Bedeutung.

Gefühle beschreiben unser emotionales Erleben. Gedanken beschreiben, was unser Kopf gerade denkt. Körperempfindungen zeigen dagegen, in welchem Zustand sich unser autonomes Nervensystem befindet. Sie geben Auskunft darüber, wie sicher oder bedrohlich unser Organismus den aktuellen Moment erlebt.

Die Polyvagal-Theorie beschreibt vereinfacht drei grundlegende Zustände des autonomen Nervensystems: den ventralen Vagus als Zustand von Sicherheit, Verbindung und sozialer Offenheit, den Sympathikus als Zustand von Kampf oder Flucht und den dorsalen Vagus als Zustand von Rückzug, Ohnmacht oder Kollaps.

Teilt ein Mensch beispielsweise mit: „Ich spüre Stress im Körper“, „Ich spüre Anspannung in der Brust“, „Ich spüre Angst im Körper“, „Ich spüre Enge im Hals“, „Ich spüre Zittern in den Händen“ oder „Ich spüre Erschöpfung im Körper“, kann das darauf hindeuten, dass sich das Nervensystem überwiegend im Sympathikus oder bereits im dorsalen Vagus befindet. Werden dagegen Körperempfindungen wie „Ich spüre Entspannung im Körper“, „Ich spüre Ruhe im Körper“ oder „Ich spüre Wärme im Brustkorb“ mitgeteilt, spricht das eher für einen ventral-vagalen Zustand, in dem Verbindung und Sicherheit leichter möglich sind.

Warum ist das so entscheidend?

Weil der Zustand unseres Nervensystems unmittelbar beeinflusst, welche Fähigkeiten uns in diesem Moment überhaupt zur Verfügung stehen. Je weiter sich das Nervensystem aus dem ventral-vagalen Zustand entfernt und in einen Schutzzustand wechselt, desto eingeschränkter stehen Funktionen des präfrontalen Kortex zur Verfügung. Gleichzeitig wird das sogenannte Social Engagement System heruntergefahren. Die Folge ist, dass Selbstreflexion, Empathie, Perspektivübernahme, Impulskontrolle und bewusste Kommunikation deutlich erschwert sein können. Auch unsere Wahrnehmung und unser Denken werden von diesem Zustand beeinflusst.

Gleichwohl sind diese Informationen für das Gegenüber sehr wertvoll. Werden Körperempfindungen mitgeteilt, wird sichtbar, in welchem Zustand sich das Nervensystem des anderen gerade befindet. Wer die Zusammenhänge des Nervensystems kennt, kann das Verhalten des anderen besser einordnen. Es wird verständlicher, warum jemand vielleicht gerade gestresst, erschöpft oder stark angespannt wirkt und warum Selbstreflexion, Empathie oder eine bewusste Kommunikation in diesem Moment möglicherweise nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Das entschuldigt kein Verhalten, schafft aber einen wichtigen Kontext, um es besser zu verstehen.

Genau deshalb liefern Körperempfindungen einen entscheidenden Kontext. Sie helfen dabei, die eigene innere Verfassung und die eigenen Reaktionen besser einzuordnen. Ohne diesen Kontext fehlt oft die wichtigste Information darüber, in welchem Zustand sich das Nervensystem eines Menschen gerade befindet.

Körperempfindungen werden deshalb im Ehrlichen Mitteilen nicht mitgeteilt, um den anderen zu beruhigen, Verständnis zu erzeugen oder Konflikte zu vermeiden. Sie werden mitgeteilt, um den eigenen inneren Zustand transparent zu machen. Nicht mehr und nicht weniger.

Körperempfindungen sind keine Nebensache. Sie sind die direkteste Sprache unseres Nervensystems.

Wer seine Körperempfindungen mitteilt, beschreibt nicht nur, was im Körper wahrnehmbar ist. Er macht sichtbar, wie sein Nervensystem den gegenwärtigen Moment erlebt.