
Das, was wir unser Leben nennen, ist im Kern Energiefluss.
Wir glauben oft, dieses Leben sei abhängig von äußeren Umständen. Wir suchen Erfüllung in Geld, Anerkennung, Besitz, Status, Konsum, Erfolg, Sexualität, besonderen Erlebnissen oder in einem bestimmten Menschen. Doch all das sind letztlich nur äußere Bilder für ein inneres Erleben, das wir in Wahrheit in unserem Körper erfahren wollen.
Was wir in all diesen Dingen zu finden versuchen, ist das Erleben von Lebendigkeit, Erfüllung, Zufriedenheit und Verbindung, wenn die Energie frei durch unseren Körper fließt. Dann fühlen wir uns offen, lebendig, ruhig, verbunden und in Kontakt mit dem Leben selbst.
Auf der menschlichen Ebene entsteht dieser Energiefluss vor allem in Beziehung. Leben ist Austausch von Informationen. Nicht irgendein oberflächlicher Austausch, sondern der ehrliche, authentische Austausch dessen, was in uns wirklich da ist. Wenn ein Mensch sichtbar macht, was ihn innerlich bewegt, und ein anderer Mensch damit in Kontakt kommt, entsteht Verbindung. Dann fließt Energie zwischen zwei Menschen.
Das, was wir eigentlich suchen, ist die Information, mit der wir Verbindung zu einem anderen Menschen herstellen können. Diese Information liegt nicht in Rollen, Masken, Strategien oder Geschichten, sondern in unserer inneren Wirklichkeit: in dem, was wir fühlen, spüren, denken, brauchen und wahrnehmen. Wenn diese innere Wirklichkeit ehrlich kommuniziert wird, entsteht echter Kontakt.
Ehrliches Mitteilen ist deshalb so wesentlich, weil es diesen Energiefluss nicht über Umwege sucht, sondern direkt. Nicht über die Veränderung äußerer Umstände, nicht über Konsum, Leistung oder Anerkennung, sondern über den ehrlichen Informationsaustausch zwischen Menschen. Das, was im Inneren da ist, wird sichtbar, der andere kann damit in Kontakt kommen, und genau dadurch entsteht das, wonach wir uns sehnen: Verbindung.
Viele Wünsche, Sehnsüchte und Triebe sind im Grunde nach außen projizierte Hoffnungen, diesen Energiefluss wieder zu spüren. Wir glauben, ein bestimmter Mensch, ein bestimmtes Ziel oder eine bestimmte Situation müsse eintreten, damit wir uns endlich lebendig und erfüllt fühlen. Doch das eigentliche Erleben hängt nicht an der äußeren Form. Es entsteht dort, wo Energie frei im Körper und zwischen Menschen fließen kann.
Mit dieser Einsicht verlieren unerfüllte Sehnsüchte ihre Macht. Vielleicht erfüllt sich eine Vorstellung nicht. Vielleicht kommt ein bestimmter Mensch nicht zurück. Vielleicht entsteht das Leben nicht so, wie der Kopf es geplant hatte. Aber das Erleben, das wir uns davon erhofft haben, bleibt möglich, weil es nicht an dieser äußeren Kulisse hängt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Arbeit von Bronnie Ware*, die Menschen am Ende ihres Lebens begleitet und später beschrieben hat, was viele von ihnen am meisten bereuten. Im Kern ging es nicht darum, zu wenig Geld verdient, zu wenig Besitz angehäuft oder zu wenig Status erreicht zu haben. Es ging darum, nicht mutig genug das eigene Leben gelebt zu haben, zu viel gearbeitet zu haben, die eigenen Gefühle nicht mitgeteilt zu haben, Freundschaften vernachlässigt zu haben und sich selbst nicht erlaubt zu haben, glücklicher zu sein.
Genau darin zeigt sich, worum es im Leben wirklich geht. Am Ende zählt nicht, wie perfekt wir funktioniert haben, wie viel wir geleistet haben oder wie viel wir im Außen erreicht haben. Am Ende zählt, ob wir wirklich gelebt haben, ob wir den Mut hatten, unserem eigenen Weg zu folgen, ob wir unsere Gefühle klar und achtsam mitteilen konnten, ob wir Zeit für Menschen hatten, die uns wichtig waren, und ob wir das Glück überhaupt zugelassen haben.
Vielleicht möchten wir am Ende unseres Lebens sagen können: Ich habe mein Leben so oft wie möglich glücklich gelebt. Ich hatte den Mut, so zu leben, wie ich es mir ausgesucht habe. Ich konnte meine Gefühle klar mitteilen, ohne andere zu verletzen. Neben meiner Arbeit blieb genügend Raum für Verbindung, Freude und schöne Erfahrungen. Ich habe Zeit mit den Menschen verbracht, die mir wichtig waren. Und ich kann mich für mein Leben bedanken.
Das Leben, das wir suchen, ist der freie Energiefluss selbst.
Wenn dieser Fluss nicht mehr blockiert ist, wenn nichts mehr zurückgehalten, versteckt, verzerrt oder über Umwege gesucht werden muss, entsteht tiefe Lebendigkeit, Zufriedenheit, Klarheit und Verbundenheit. Dann müssen wir nichts mehr erzwingen, nichts mehr festhalten und nichts mehr im Außen beweisen.
Dann suchen wir das Leben nicht mehr. Dann erleben wir es unmittelbar. Reines Sein. Leben an sich.
*Bronnie Ware ist eine australische Autorin, die durch ihre Arbeit mit sterbenden Menschen bekannt wurde; ihr Buch heißt „The Top Five Regrets of the Dying“, auf Deutsch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“.