Wenn wir über Traumaheilung sprechen, denken viele Menschen, dass es darum geht, endlich ruhig, entspannt und gelassen zu werden. Doch so einfach funktioniert unser Nervensystem nicht.
Nach der Polyvagaltheorie bewegt sich ein gesunder Mensch ständig zwischen Aktivität und Entspannung. Mal sind wir motiviert, engagiert und voller Energie, mal ruhen wir uns aus und tanken Kraft. Dieses natürliche Pendeln findet innerhalb des sogenannten Toleranzfensters statt.
Das Toleranzfenster beschreibt den Bereich, in dem wir mit den Herausforderungen des Lebens umgehen können, ohne überwältigt zu werden. Wir können fühlen, denken, handeln und in Beziehung bleiben. Stress ist dabei kein Problem. Entscheidend ist, dass unser Nervensystem danach wieder in einen regulierten Zustand zurückfindet.
Traumatische Erfahrungen können dieses System jedoch verändern. Dann verlassen wir immer wieder unser Toleranzfenster und landen entweder in einer Übererregung oder einer Untererregung.
In der Übererregung, auch Hyperarousal genannt, befindet sich das Nervensystem im Kampf- oder Fluchtmodus. Der Sympathikus übernimmt die Führung. Der Körper mobilisiert Energie, um eine Gefahr abzuwehren oder ihr zu entkommen.
Typische Gefühle sind Wut, Ärger, Angst, Panik, Unruhe oder Rastlosigkeit.
Ebenso typisch sind die Gedanken, die sich in diesem Zustand bilden:
„Ich muss etwas tun.“
„Ich muss mich schützen.“
„Das darf nicht passieren.“
„Ich muss die Situation kontrollieren.“
Der Körper befindet sich in Mobilisierung. Er bereitet sich auf Handlung vor.
Auf der anderen Seite gibt es die Untererregung, das sogenannte Hypoarousal. Hier dominiert häufig der dorsale Vagus. Das Nervensystem hat den Eindruck gewonnen, dass Kampf und Flucht nicht mehr möglich sind. Der Organismus zieht sich zurück.
Typische Gefühle sind Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung, Resignation, Leere, Ohnmacht oder Depression.
Auch die Gedanken verändern sich:
„Es hat keinen Sinn.“
„Ich schaffe das nicht.“
„Warum überhaupt noch versuchen?“
„Ich kann nicht.“
Gerade dieser Satz ist bemerkenswert.
Viele Menschen glauben, sie würden lediglich einen Gedanken aussprechen. Tatsächlich beschreibt dieser Satz oft den Zustand ihres Nervensystems. Wenn ein Mensch immer wieder sagt: „Ich kann nicht.“ dann fehlt häufig nicht der Wille. Der Körper befindet sich vielmehr in einem Zustand der Immobilität und hat den Zugang zu seiner Handlungsenergie verloren.
Das Spannende ist nun, dass viele Menschen glauben, der Weg zurück führe direkt von der Erschöpfung in die Entspannung. Doch häufig verläuft der Weg ganz anders.
Erstarrung → Kampf- und Fluchtenergie → Regulation → Entspannung
Oder in den Begriffen der Polyvagaltheorie:
Dorsaler Vagus → Sympathikus → Ventraler Vagus.
Das Nervensystem muss die eingefrorene Überlebensenergie zunächst wieder freigeben. Deshalb erleben viele Menschen während eines Heilungsprozesses plötzlich Gefühle, die sie zunächst erschrecken. Wut, Ärger, Aggression, Hass, Unruhe, Bewegungsdrang, Innere Spannung. Viele denken dann: „Jetzt wird es schlimmer.“ Dabei könnte genau das Gegenteil der Fall sein. Was zuvor eingefroren war, beginnt sich wieder zu bewegen.
Man könnte sich das wie einen Motor vorstellen, bei dem gleichzeitig Gas gegeben und die Handbremse angezogen wurde. Die Energie verschwindet nicht. Sie bleibt gebunden. Wird die Handbremse später gelöst, taucht diese Energie wieder auf. Deshalb berichten viele Menschen, dass sie nach einer Phase von Erschöpfung plötzlich intensive Wut oder starke Kampf- und Fluchtimpulse erleben. Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas falsch läuft. Es kann auch bedeuten, dass das Nervensystem beginnt, seine natürliche Beweglichkeit zurückzugewinnen.
Dabei lohnt sich jedoch ein wichtiger Hinweis: Nicht jede Wut ist automatisch gespeicherte Traumaenergie. Manchmal zeigt Wut schlicht, dass eine Grenze verletzt wurde, dass etwas im Leben nicht stimmt oder, dass ein wichtiges Bedürfnis übergangen wurde. Wut kann ein Heilungsprozess sein. Sie kann aber auch eine gesunde und angemessene Reaktion auf die Realität sein. Wahre Heilung besteht deshalb nicht darin, niemals mehr wütend, traurig oder ängstlich zu sein, sondern vielmehr darin, die Beweglichkeit zurückzugewinnen, all diese Zustände durchlaufen zu können, ohne in ihnen stecken zu bleiben. Gesundheit bedeutet nicht dauerhafte Entspannung. Gesundheit bedeutet die Fähigkeit, zwischen Aktivierung und Ruhe flexibel hin- und herzupendeln und dabei mit sich selbst und anderen in Verbindung zu bleiben.
