Nach meinem Verständnis bedeutet Co-Regulation nicht das natürliche Phänomen, dass Menschen sich gegenseitig guttun, sich zuhören oder gemeinsam Zeit verbringen. Das gehört zu einem gesunden Leben. Mit Co-Regulation meine ich vielmehr die unbewusste Notwendigkeit, einen anderen Menschen zu brauchen, um sich emotional zu stabilisieren, sich sicher zu fühlen oder innere Not zu regulieren. Genau darin sehe ich eine Überlebensstrategie, die aus Entwicklungstrauma entsteht.
Ein Kind braucht Co-Regulation zum Überleben. Es kann sich nicht selbst versorgen, sich keine Jacke anziehen, wenn ihm kalt ist, nicht selbst zum Kühlschrank oder in den Supermarkt gehen und sich etwas zu essen holen. Es kann sich auch keine anderen Eltern suchen, wenn die eigenen nicht in der Lage sind, ihm Sicherheit, Nähe oder emotionale Resonanz zu geben. Ein Kind ist vollständig auf die Versorgung, den Schutz und die körperliche wie emotionale Symbiose mit seinen Bezugspersonen angewiesen. Ohne diese Regulation von außen kann es sich nicht gesund entwickeln und letztlich nicht überleben.
Ein traumatisierter Erwachsener setzt diese frühe Überlebensstrategie häufig fort. Obwohl er körperlich erwachsen ist, sucht sein Nervensystem weiterhin Sicherheit im Außen. Andere Menschen werden dann gebraucht, um Angst, Einsamkeit, innere Unruhe oder Überforderung zu regulieren. Beziehungen dienen unbewusst der Versorgung und Stabilisierung. Der Partner, Freunde oder auch Therapeuten sollen zuhören, beruhigen, Sicherheit geben oder den inneren Zustand verändern. Der andere Mensch wird damit unbewusst für die eigene emotionale Stabilität verantwortlich gemacht. Das keine reife Beziehung, sondern eine Fortsetzung einer frühen Überlebensstrategie.
Ein reifer Erwachsener übernimmt Verantwortung für seinen eigenen inneren Zustand. Er kann Angst, Traurigkeit, Wut oder Einsamkeit wahrnehmen, ohne einen anderen Menschen zu brauchen, damit diese Gefühle verschwinden. Er kann sich Unterstützung wünschen, Hilfe holen, sich mitteilen, Trost annehmen und sich über Nähe freuen, aber nicht mit der Erwartung, dass der andere ihn regulieren oder retten muss. Beziehungen entstehen dadurch nicht mehr aus Mangel, sondern aus Freiheit. Zwei Menschen verbringen Zeit miteinander, weil sie es möchten, nicht weil sie sich gegenseitig emotional versorgen müssen.
Entwicklung bedeutet deshalb nicht, unabhängig von anderen Menschen zu werden. Der Mensch bleibt ein soziales Wesen. Wir brauchen andere Menschen, um gesund, sicher, glücklich und erfüllt zu leben. Wir brauchen Beziehungen, Austausch, Nähe, Liebe und Gemeinschaft. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, dass ein Kind andere Menschen zum Überleben braucht, während ein reifer Erwachsener andere Menschen zum Leben braucht. Beziehungen werden dadurch nicht weniger wichtig – sie werden freier. Nicht Angst oder Mangel stehen im Mittelpunkt, sondern freiwillige Verbundenheit, gegenseitige Unterstützung und gemeinsames Leben.
