Warum wir bei Gefahr Distanz herstellen

Die biologische Logik dahinter

Wenn wir uns bedroht fühlen, reagiert unser autonomes Nervensystem nicht zufällig. Es greift auf biologische Überlebensstrategien zurück, die sich über Millionen Jahre entwickelt haben. Diese Reaktionen folgen einer natürlichen Kaskade, abhängig davon, wie groß die wahrgenommene Gefahr ist und welche Möglichkeiten uns in diesem Moment zur Verfügung stehen.


Fawn (Besänftigen, Beschwichtigen, Unterwerfen)

Solange noch genügend innere Kapazität vorhanden ist, versucht unser Nervensystem häufig zunächst, die Situation durch Kontakt und Interaktion zu lösen. Wir reden beruhigend auf unser Gegenüber ein, passen uns an oder versuchen zu vermitteln.

Ein Beispiel wäre eine körperlich überlegene Person, die uns bedrohlich gegenübertritt. Statt zu kämpfen oder zu fliehen, versucht das Nervensystem zunächst, die Situation durch Beziehung und Kommunikation zu entschärfen.

Dies ist ein besonderer Fall, da hier der soziale Anteil unseres Nervensystems noch aktiv bleibt. Gelingt die Stabilisierung nicht oder reichen die inneren Ressourcen nicht aus, folgt meist eine der nachfolgenden Überlebensstrategien.


Fight (Kampf)

Wenn eine reale Chance besteht, sich zu verteidigen, mobilisiert der Körper Energie für den Kampf.

Ein Beispiel wäre ein körperlicher Angriff durch eine gleich starke oder unterlegene Person. Das Nervensystem bereitet den Organismus darauf vor, die Gefahr aktiv abzuwehren.


Flight (Flucht)

Erscheint die Bedrohung zu groß, aber ein Ausweg ist möglich, richtet das Nervensystem seine Energie auf die Flucht aus.

Ein Beispiel wäre ein körperlich überlegener Angreifer, vor dem wir uns durch Weglaufen in Sicherheit bringen können.


Freeze (Erstarren, Dissoziation)

Wenn Gefahr erlebt wird und gleichzeitig das Gefühl entsteht, weder kämpfen noch fliehen zu können, kann das Nervensystem in einen Zustand der Erstarrung wechseln. Der Körper wird bewegungslos, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung verändern sich. Häufig treten dissoziative Zustände auf. Freeze ist eine biologische Reaktion auf Gefahr in Verbindung mit erlebter Ohnmacht.

Ein Beispiel wäre ein körperlich überlegener Angreifer, vor dem weder Flucht noch Verteidigung möglich erscheinen.

Wichtig dabei: Freeze bedeutet nicht, dass keine Energie mehr vorhanden ist. Im Gegenteil. Der Organismus befindet sich häufig weiterhin in hoher Alarmbereitschaft. Die Energie für Kampf oder Flucht ist vorhanden, kann jedoch nicht mehr in Handlung umgesetzt werden.


Flop / Faint (Kollaps, Shutdown, Ohnmacht)

Wird eine Situation als völlig ausweglos und lebensbedrohlich erlebt, kann das Nervensystem in einen noch tieferen Schutzmechanismus wechseln. Es kommt zu Kollaps, Shutdown oder sogar Bewusstlosigkeit.

Ein Beispiel wäre eine Situation, in der eine unmittelbare Lebensgefahr erlebt wird und keinerlei Handlungsmöglichkeit mehr vorhanden erscheint.

Im Unterschied zum Freeze-Zustand bricht die hohe Aktivierung hier zusammen. Das Nervensystem schaltet auf maximale Energieeinsparung und Schutz durch Kollaps um.


Keine Schwäche – sondern Biologie

Diese Reaktionen sind keine Schwäche und kein persönliches Versagen. Sie sind intelligente biologische Überlebensstrategien, die unser Organismus automatisch aktiviert, wenn er Gefahr wahrnimmt.

Viele Konflikt- und Beziehungsmuster, die wir heute bei uns selbst oder anderen beobachten, haben ihren Ursprung in genau diesen uralten Schutzmechanismen. Was im Außen oft wie Angriff, Rückzug, Anpassung, Starre oder Hilflosigkeit wirkt, ist aus Sicht des Nervensystems zunächst einmal ein Versuch, das eigene Überleben zu sichern.

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