Manipulation des Nervensystems

…ist nicht gleich Integration

Warum ich Cannabis, MDMA und andere bewusstseinsverändernde Substanzen in der Therapie vollständig ablehne.

Je länger ich mich mit Entwicklungstrauma, Nervensystemregulation und den Prozessen menschlicher Entwicklung beschäftige, desto kritischer sehe ich den Einsatz von Cannabis, MDMA und anderen bewusstseinsverändernden Substanzen im therapeutischen Kontext. Diese Haltung hat sich nicht aus theoretischen Überlegungen entwickelt, sondern aus vielen Jahren eigener Erfahrung, aus der Beobachtung anderer Menschen und aus dem Verständnis darüber, wie Integration tatsächlich entsteht.

Der zentrale Irrtum besteht aus meiner Sicht darin, dass viele Menschen gute Zustände mit Integration verwechseln. Wenn Angst verschwindet, wenn Scham weniger wird, wenn Verbundenheit spürbar wird oder wenn sich plötzlich Frieden, Liebe oder Weite einstellen, entsteht schnell der Eindruck, es hätte sich etwas Grundlegendes verändert. Tatsächlich hat sich jedoch zunächst nur der Zustand verändert. Das Nervensystem fühlt sich anders an. Dadurch fühlt sich auch die Welt anders an.

Genau deshalb suchen so viele Menschen immer wieder dieselben Erfahrungen. Sie suchen Entspannung, Angstfreiheit, Ekstase, spirituelle Erfahrungen, Verbundenheit oder Bewusstseinserweiterung. Sie suchen Zustände, die angenehmer sind als die Realität, die sie normalerweise erleben. Das Problem ist nur, dass Integration nicht dadurch entsteht, dass ein Mensch einen angenehmen Zustand erlebt. Integration entsteht durch neue Erfahrungen.

Die moderne Forschung zu MDMA argumentiert, dass Angst sinkt, Scham sinkt und Vertrauen steigt, wodurch Menschen leichter Zugang zu belastenden Erinnerungen erhalten. Das mag alles zutreffen. Dennoch bleibt für mich ein entscheidender Einwand bestehen. Das Nervensystem wird manipuliert. Der Mensch erlebt einen Zustand, der ohne die Substanz in diesem Moment nicht verfügbar wäre. Die Sicherheit entsteht nicht aus einer realen Entwicklung des Organismus, sondern durch eine biochemische Veränderung.

Aus meiner Sicht kann ein manipuliertes Nervensystem keine nachhaltige Integration hervorbringen. Es kann Erfahrungen ermöglichen, Erkenntnisse hervorbringen und Erinnerungen zugänglich machen. Was es jedoch nicht kann, ist die eigentliche Entwicklungsarbeit ersetzen.

Diese Entwicklungsarbeit besteht darin, dass ein Mensch in der Realität neue Erfahrungen macht und sein Nervensystem daraus lernt. Der entscheidende Punkt ist dabei die Entwicklung des erwachsenen Anteils. Entwicklungstrauma entsteht in einer Zeit, in der ein Kind den Bezugspersonen ausgeliefert ist. Es kann nicht gehen. Es kann keine Grenzen setzen. Es kann keinen Abstand herstellen. Es kann sich nicht schützen. Für das kindliche Nervensystem bedeutet Distanz häufig Liebesverlust, Verlassenwerden oder Gefahr.

Als Erwachsene verfügen wir jedoch über Möglichkeiten, die wir als Kinder nicht hatten. Wir können Abstand herstellen. Wir können Grenzen setzen. Wir können Beziehungen verlassen. Wir können Nein sagen. Wir können Verantwortung für unser Leben übernehmen. Genau diese Möglichkeiten müssen nicht verstanden, sondern erlebt werden.

Viele Menschen mit Entwicklungstrauma kennen nur zwei Zustände. Entweder sie verschmelzen mit anderen Menschen oder sie ziehen sich vollständig zurück. Entweder sie passen sich an oder sie brechen den Kontakt ab. Das Nervensystem kennt nur Nähe oder Trennung.

Der Erwachsene kann etwas völlig Neues lernen. Er kann Abstand herstellen, ohne die Verbindung zu verlieren. Er kann Grenzen setzen, ohne verlassen zu werden. Er kann Nein sagen, ohne ausgeschlossen zu werden. Er kann für sich sorgen, ohne die Beziehung opfern zu müssen. Genau diese Erfahrungen verändern das Nervensystem dauerhaft.

Die größten Entwicklungsschritte meines Lebens entstanden nicht durch besondere Zustände, sondern durch neue Erfahrungen in der Realität. Sie entstanden in Beziehungen, in Konflikten, in Trennungen, in Enttäuschungen und in Situationen, in denen alte Muster sichtbar wurden. Entscheidend war die Erfahrung, dass die damit verbundenen Gefühle und Körperzustände nicht gefährlich sind. Mit jeder neuen Erfahrung entstand mehr Sicherheit im Nervensystem. Dadurch wurde es immer weniger notwendig, vor diesen Zuständen wegzulaufen, sie zu kontrollieren oder sich von ihnen abzulenken.

Integration entstand nicht durch Angstfreiheit oder die Abwesenheit unangenehmer Gefühle, sondern dadurch, dass das Nervensystem Schritt für Schritt lernen konnte, dass die Realität sicherer ist als die alten Erfahrungen aus der Vergangenheit vermuten ließen. Vor allem aber durch die Erfahrung, dass Eigenständigkeit und Selbstbestimmung – zum Beispiel in Form von physischem Abstand – und emotionale Verbindung gleichzeitig möglich sind.“

Auch in meiner vergangenen Beziehung konnte ich beobachten, dass bewusstseinsverändernde Substanzen zwar vorübergehend Entspannung, Offenheit und Verbundenheit erzeugten, die grundlegenden Muster jedoch unverändert blieben. Die Konflikte kehrten zurück. Die Ängste kehrten zurück. Die Vermeidungsstrategien kehrten zurück. Die Zustände hatten sich verändert, die Struktur des Nervensystems jedoch nicht.

Aus meiner Sicht liegt hier der grundlegende Irrtum vieler therapeutischer Ansätze. Sie versuchen, Sicherheit zu erzeugen. Integration entsteht jedoch nicht durch erzeugte Sicherheit, Bewusstseinserweiterung oder die Manipulation des Nervensystems, sondern durch die Erfahrung eigener Handlungsfähigkeit und durch die Begegnung mit der Realität.

Die entscheidende Erfahrung lautet deshalb nicht: „Ich kann mich sicher fühlen.“ Die entscheidende Erfahrung lautet: „Ich kann heute selbst Sicherheit herstellen.“

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