Es gibt keine Krankheiten.

Eine radikale Sichtweise auf das, was wir Krankheit nennen.

Dieser Beitrag beschreibt meine persönliche Sichtweise. Sie ist bewusst radikal. Allerdings nicht in dem Sinn, wie wir das Wort heute häufig verwenden. Für mich bedeutet radikal nicht extrem oder provozierend. Das Wort stammt vom lateinischen radix und bedeutet Wurzel oder Ursprung. Radikal bedeutet für mich deshalb, den Dingen bis zu ihrer Ursache zu folgen, anstatt an ihren Symptomen stehen zu bleiben.

Genau deshalb sage ich: Es gibt keine Krankheiten.

Das, was wir Krankheit nennen, ist für kein eigenständiges Phänomen. Es sind Etiketten, die wir bestimmten Symptomen geben. Hinter diesen Symptomen steht jedoch immer dieselbe Ursache: ein dysreguliertes Nervensystem. Ob wir von Depression, Angststörung, Burnout, chronischen Schmerzen oder vielen körperlichen Erkrankungen sprechen – wir beschreiben damit lediglich unterschiedliche Ausdrucksformen desselben grundlegenden Prozesses.

Der Körper macht keine Fehler. Er arbeitet in jedem Augenblick daran, ein inneres Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Was wir als Krankheit bezeichnen, ist deshalb nicht der Beweis dafür, dass der Körper versagt hat. Es ist der Versuch des Organismus, unter den vorhandenen Bedingungen weiter zu funktionieren und seine Regulation aufrechtzuerhalten.

Dabei spielt Energie eine entscheidende Rolle. Energie verschwindet nicht. Sie lässt sich nicht vernichten. Sie kann lediglich ihre Form verändern oder anders kanalisiert werden. Kann sich unsere Lebensenergie unmittelbar über Gefühle, Bewegung, Beziehung oder natürliche Selbstregulation entfalten, bleibt das Nervensystem flexibel. Wird dieser Ausdruck jedoch dauerhaft verhindert – etwa durch unterdrückte Gefühle, unterdrückte Bedürfnisse oder Entwicklungstrauma –, verschwindet diese Energie nicht. Sie wird umgeleitet. Sie kanalisiert sich auf andere Weise.

Das geschieht im Wesentlichen in drei Richtungen.

Die erste Richtung führt in den Körper. Die gebundene Energie sucht sich ihren Ausdruck über körperliche Symptome. Erschöpfung, chronische Schmerzen, Entzündungen, Übergewicht oder Depression erscheinen dann nicht mehr als Feinde des Körpers, sondern als Ausdruck eines Nervensystems, das versucht, mit einer dauerhaft gebundenen Energie umzugehen.

Die zweite Richtung führt in den Kopf. Die Energie wird zu unaufhörlichem Denken, Grübeln, Analysieren, Kontrollieren oder Perfektionismus. Der Mensch lebt zunehmend in seinen Gedanken und verliert den Kontakt zu seinem Körper. Der Kopf übernimmt die Regulation, weil das Nervensystem keine andere Möglichkeit mehr gefunden hat.

Die dritte Richtung führt nach außen. Die Energie kanalisiert sich in spirituelle Konzepte, Ideologien, ständige Sinnsuche oder den Versuch, andere Menschen zu retten oder die Welt verändern zu müssen. Nichts davon ist grundsätzlich falsch. Problematisch wird es erst dann, wenn all diese Aktivitäten unbewusst dazu dienen, den Kontakt zum eigenen Körper und den eigenen Gefühlen zu vermeiden.

Ein dysreguliertes Nervensystem ist deshalb keine Krankheit. Es ist eine intelligente Anpassung an Lebensbedingungen, unter denen eine gesunde Entwicklung unterbrochen wurde. Der Organismus tut genau das, was er tun muss, um unter den gegebenen Umständen weiterzuleben. Das ist keine Fehlfunktion. Es ist Überleben.

Zum Beispiel in der Krebsforschung vertritt Dr. Lothar Hirneise die Auffassung, dass ein Tumor nicht als Feind des Körpers verstanden werden sollte, sondern als Regulations- und Anpassungsversuch des Organismus. Auch hier steht nicht die Bekämpfung eines vermeintlichen Gegners im Mittelpunkt, sondern die Frage nach der Ursache, die den Körper zu dieser Anpassung veranlasst hat.

Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen Symptombehandlung und Ursachenforschung. Solange Symptome als Krankheiten verstanden werden, richtet sich die Aufmerksamkeit auf ihre Beseitigung. Werden Symptome dagegen als Regulationsversuche eines dysregulierten Nervensystems verstanden, verändert sich der Blick grundlegend. Dann steht nicht mehr die Bekämpfung des Symptoms im Mittelpunkt, sondern die Wiederherstellung einer gesunden Regulation des Nervensystems.

Gesundheit bedeutet nicht in erster Linie Symptomfreiheit. Gesundheit bedeutet ein Nervensystem, das wieder flexibel zwischen Anspannung und Entspannung wechseln kann, Gefühle unmittelbar erlebt und ausdrückt, Bedürfnisse wahrnimmt und Beziehungen sicher gestalten kann. Symptome verschwinden nicht deshalb, weil sie bekämpft werden, sondern weil der Organismus sie nicht länger benötigt, um sein inneres Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

Der Körper kämpft niemals gegen sich selbst. Er versucht in jedem Augenblick, unter den vorhandenen Bedingungen die bestmögliche Regulation herzustellen. Krankheit ist deshalb kein Fehler des Körpers, sondern Ausdruck seiner Intelligenz. Der Weg zu mehr Gesundheit beginnt nicht mit dem Kampf gegen Symptome, sondern mit dem Verständnis der Ursache, aus der sie entstanden sind.

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