Spüre einmal in Dich hinein, wie die folgenden beiden Gespräche auf Dich wirken. Welche Gefühle, Gedanken oder Körperempfindungen entstehen dabei in Dir?
Ein typisches Streitgespräch
Laura: Hörst du mir eigentlich überhaupt zu?
David: Natürlich höre ich dir zu.
Laura: Nein, eben nicht! Du hängst die ganze Zeit nur an deinem Handy. Ich könnte hier sonst was erzählen, es interessiert dich einfach nicht.
David: Jetzt dramatisier doch nicht gleich wieder alles.
Laura: Ach ja? Dann sag mir doch mal, worüber ich gerade gesprochen habe.
David: Keine Ahnung… irgendwas mit dem Wochenende vielleicht.
Laura: Genau das meine ich! Ich habe dir gerade erzählt, wie gestresst und überfordert ich bin und dass mir gerade alles zu viel wird. Aber damit lässt du mich ja sowieso allein. Du denkst immer nur an dich selbst. Du bist total egoistisch!
David: Ach komm, jetzt bin ich wieder der Böse oder was? Vielleicht solltest du einfach mal aufhören, mich ständig vollzutexten. Das hält doch kein Mensch aus.
Laura: Unglaublich. Mit dir kann man einfach nicht reden.
Wie fühlt sich dieses Gespräch für Dich an? Kennst Du solche Situationen aus Deinem eigenen Leben?
Ein möglicher ehrlicher Austausch in derselben Situation
Laura: Ich fühle mich traurig und angespannt. Ich spüre Druck in meiner Brust und merke, dass ich mich gerade ziemlich allein fühle.
David: Mein Körper ist erschöpft von der Arbeit heute. Da ist der Gedanke, dass ich innerlich gerade kaum Kapazität habe zuzuhören und dass dich das wahrscheinlich verletzt.
Laura: Ich spüre Erleichterung, weil ich jetzt besser verstehe, was gerade bei dir los ist.
David: Ich merke auch, dass etwas ruhiger wird in mir, weil ich ehrlich gesagt habe, wie es mir gerade geht.
Laura: Da ist der Gedanke, dass ich oft sehr viel rede, wenn ich mich gestresst fühle. Ich glaube, ich wünsche mir eigentlich Nähe und Unterstützung.
David: Das war mir so nicht bewusst.
Laura: Ich fühle gerade etwas Scham, weil ich Angst habe, dich damit zu überfordern.
David: Ich brauche nach der Arbeit oft erstmal Ruhe und etwas Raum für mich. Wenn ich das aussprechen kann, merke ich aber auch wieder mehr Offenheit und Nähe zu dir.
Vielleicht spürst Du beim Lesen, wie unterschiedlich sich diese beiden Arten von Kommunikation anfühlen können. Ehrlicher Austausch bedeutet nicht, dass keine schwierigen Gefühle mehr da sind. Der Unterschied ist, dass Menschen sich nicht mehr gegenseitig angreifen, verteidigen oder bekämpfen müssen.
Wenn wir lernen, mit unseren Gefühlen, Körperempfindungen und Gedanken sichtbar zu werden, entsteht oft etwas sehr Wertvolles: Sicherheit im Kontakt. Das Nervensystem kann sich entspannen, Verbindung wird wieder möglich und Beziehung fühlt sich weniger wie Kampf und mehr wie echtes Miteinander an.
